10. September 2026 Endlich passt der Wind! Und Heike ist auch wieder so weit über den Berg, dass wir die nächste Etappe angehen können.

Wir sind herzlich froh, endlich von hier aufbrechen zu können, nach zwei extrem unruhigen Nächten, die unsere Gelassenheit und die Vertäuung von Mariana auf eine harte Probe stellten.

Wir starten um halb acht in schönster Morgenstimmung, es wird um diese Zeit jetzt gerade hell, Fécamp sieht noch sehr verschlafen aus (und wir auch). 32 Seemeilen liegen vor uns, die Windverhältnisse sind sanft, der Himmel leider bedeckt, es ist relativ kühl, wir erwarten wenig Welle.

Bald sind die Segel gesetzt und wir machen gute Fahrt, da rumpelt es plötzlich. Erst vorne, dann unter dem ganzen Schiffsrumpf hindurch und dann — stehen wir. Bei einem Blick auf die Küstenlinie ist klar, wir machen keine Fahrt mehr voraus . Wir sind völlig perplex: wir halten immer gut Ausschau nach Hindernissen, vor allem nach den hier an der Küste vielfach ausgebrachten „Fischerfähnchen“, die die auf den Meeresgrund abgelassenen Fischerreusen markieren.

„Da war doch gar nichts zu sehen“ sagt Heike völlig irritiert, aber dann schauen wir am Heck ins Wasser und da ist sie, eine dicke Leine, die sich wahrscheinlich am Kiel oder Ruder verfangen hat und uns festhält. Wir stehen erstmal beide ziemlich perplex da: es ist ein sehr sehr befremdliches Gefühl, wenn sich das Boot unter vollen Segeln keinen Millimeter mehr bewegt. Zum Glück haben wir sehr sanfte Verhältnisse, sodass erstmal Zeit zum Überlegen ist. Während wir das noch tun, rumpelt es nochmal dumpf und leise, durch Mariana geht ein Ruck… und wir nehmen wieder Fahrt auf. Puh — Glück gehabt.

Ein Stück weiter hinter uns sehen wir dann kurz noch das zugehörige Fischerfähnchen, dass tief im Wasser liegt und fast nicht zu sehen ist. Wahrscheinlich kam es auch vorher schon nicht viel weiter aus dem Wasser, vielleicht durch die Strömung oder aber durch einen vorhergehenden „Unfall“, sonst hätten wir es eigentlich sehen müssen. Jedenfalls sind wir extrem erleichtert, dass wir einfach so wieder frei gekommen sind….Es scheint nichts beschädigt zu sein ….in unseren Köpfen hatten sich schon einige Szenarien dazu abgespielt, wie wir uns aus dieser misslichen Lage wieder hätten befreien können.

Die weitere Fahrt verläuft dann relativ ereignislos und angenehm, allerdings ab jetzt natürlich mit doppelt konzentrierten Blick nach vorne.

Nach 32 Seemeilen und ca. 6 Stunden erreichen wir die Hafeneinfahrt von Dieppe. Hier wird kurz gefunkt und damit sicher gestellt, dass wir einfahren dürfen. Wir wollen ungern nochmal erleben, dass die Port Control uns über Funk stoppt. Das war uns vor drei Jahren so passiert, als der Semaphor an der Einfahrt zwar mit grünen Lichtern freie Einfahrt signalisiert hatte, aber nur, weil man vergessen hatte, ihn für die Ausfahrt einer großen Fähre auf rot zu stellen.

Diesmal geht alles glatt, Tom hat kurz danach schon Leinen und Fender bereit gemacht. Jetzt sind wir auch schon darauf vorbereitet, dass auch im Hafen von Dieppe häufig ein deutlicher Strom läuft. Wir suchen uns einen Platz weiter innen am relativ leeren Besuchersteg aus und legen ohne Probleme an. Inzwischen haben sich auch die Wolken verzogen, sodass wir die wärme Segelbekleidung gegen Shorts und T-Shirts tauschen und im Cockpit mit Blick auf die Stadt und Hafenpromenade erstmal ausruhen und Sonne tanken.

Irgendwann beim Dösen und Hafenszenerie genießen fällt uns auf, dass wir nur noch einen sehr niedrigen Wasserstand haben, überall kommen kleine Bläschen aus dem Wasser an die Oberfläche und die Spuntwände rund herum scheinen höher und höher zu wachsen.

Wir schauen in die Gezeitentabellen und stellen fest, dass das Wasser noch weitere 50 cm sinken soll. Wir schauen uns nochmal die Planung für den nächsten Tag und die erforderliche Abfahrtszeit an…wir haben aktuell wieder einen sehr hohen Koeffizienten, heißt, sehr hohes Hochwasser und sehr sehr niedriges Niedrigwasser. Als wir ankamen, hatten wir noch 9 Meter Wasser unter dem Kiel und uns erstmal keine Gedanken darüber gemacht. Jetzt rechnen wir nochmal durch, Tom misst den Wasserstand unter dem Bug und dem Heck, rechnet nochmals durch und stellt fest, dass wir Gefahr laufen, am nächsten Morgen beim Ablegen stecken zu bleiben, wenn wir an diesem Liegeplatz bleiben. Wir brauchen für die Strecke am nächsten Tag nach Boulogne-sur-Mer jede Minute mit dem Strom, um am Schluss nicht gegen die Tide fahren zu müssen, wir können es uns deshalb nicht leisten, evtl. stecken zu bleiben und auf auflaufendes Wasser zu warten.

Also werfen wir kurzerhand nochmal die Leinen und den Landstrom los und verlegen uns an einen Platz ganz außen am Steg, direkt am tiefen Hafenbecken. So können wir relativ sicher sein, dass uns am nächsten Morgen nichts am Ablegen hindern kann. Nach diesem kleinen zusätzlichen „Actioneinsatz“ lassen wir den Tag entspannt in der Crêperie Ty Breiz ausklingen, ein bisschen auch mit Wehmut, aber vor allem mit schönen Erinnerungen ….in Dieppe hatten uns vor vier Monaten Frank und Corinna in Empfang genommen und wir hatten im Ty Breiz zusammen mit ihnen und Andreas, der uns bis dahin begleitet hatte, einen sehr fröhlichen Abend verlebt.

Dann heißt es, früh in die Koje zu steigen… Wir hatten nach den Nächten in Fécamp jetzt in Dieppe auf einen ruhigen Schlaf gehofft und was das Schaukeln angeht, werden wir auch nicht enttäuscht …aber die Fischer in Dieppe haben noch eine andere Möglichkeiten auf Lager. Am gegenüberliegenden Kai entladen sie geräuschvoll mehr oder weniger die ganz Nacht ihre großen Boote, rangieren geräuschvoll mit ihren starken Motoren ziemlich direkt neben Mariana, rufen sich lautstark Kommandos zu und drehen die eine oder andere Runde im Hafen, bevor sie ausfahren oder ins nächste Hafenbecken wechseln.

Es wird erst wirklich ruhig, kurz bevor am nächsten Morgen der Wecker um 6 Uhr klingelt….

Von Fécamp nach Dieppe (Video zur Segeletappe ist jetzt auch online)