Eigentlich wollen wir gar nicht los. Nicht, dass wir unsere Freunde, unsere Familie, die Kolleginnen und unser Leben zu Hause nicht auch vermissen würden. Aber die Bretagne hat uns im Herzen berührt, fasziniert und eingefangen und uns fällt es wirklich wirklich schwer, uns loszureißen.
Wir legen dennoch um 7:30 Uhr aus Lézardrieux Richtung Guernsey ab. Wir erwarten wenig Wind und viel Schwell, der draußen auf dem offenen Wasser noch vom starken Wind aus den letzten Tagen steht.

Aber zunächst gleiten wir über das glatte und geschützte Wasser des Flusses Trieux Richtung Norden, genießen noch einmal in vollen Zügen die faszinierende, geheimnisvoll-traumhafte, fast schon mystische Landschaft der Bretagne.

Wir erleben an diesem Abschiedsmorgen nochmal einen atemberaubenden Sonnenaufgang und in dem Wissen, dass diese Momente zumindest für längere Zeit unsere letzten in der Bretagne sein werden, nehmen wir die Atmosphäre, die Landschaft und die Stille noch viel intensiver wahr. Die Sonne und ein leichter Morgendunst tauchen die Felsen um die Île de Bréhat rechts von uns in ein unwirkliches, fast schon mystisches Licht, die kleine, mediterran anmutende Insel Île à Bois liegt links von uns fast noch ganz im Schatten.

Hier öffnet sich auch das Flusstal und wir haben für eine Weile genug Segelwind, um nur mit dem Vorsegel in dieser bezaubernden Morgenstimmung sanft über das glatte Wasser zu gleiten. Die Bretagne macht uns den Abschied wirklich nicht leicht…..


Der Wind schläft dann zunächst wieder fast ein, wir sollten aber die Gezeiten auf dem Weg nach Guernsey sinnvoll nutzen und werfen daher wieder die Maschine an. Ewas weiter nördlich in der Durchfahrt kommt uns schon etwas Schwell vom Ärmelkanal entgegen und kurz vor der Ausfahrt wird es dann turbulent, fast schon reif für das Alderney Race: Der Schwell von draußen drückt wohl gegen die Strömung der ablaufenden Gezeit und die Wellen um uns herum werden kurz und steil und chaotisch, schaukeln uns durch, bis wir auf dem offenen Wasser sind, obwohl die Wasseroberfläche mangels Wind eigentlich spiegelglatt ist.


Den ersten Teil der Strecke im Kanal, bis zu einer Felsenansammlung, dem Plateau des Roches Douvres, fahren wir noch komplett unter Motor. Dann hellt sich die Stimmung merklich auf: es ist plötzlich doch Wind da, wir können die Maschine ausschalten und auf Amwindkurs mit moderater Lage den zweiten Teil der Strecke bis nach Guernsey und zur Einfahrt in den „Little Russel“ (auch genannt Little Roussel or Petit Ruau), die Passage zwischen Guernsey und er Insel Herm, vollständig segeln, wunderbar!!


Kurz vor dem Hafen von Saint Peter Port fahren wir noch kurz in eine kleine Bucht, die eventuell auch zum Ankern geeignet wäre. Sie scheint uns aber zu unruhig zu sein, der Schwell und die Wellen der vorbeifahrenden Boote kommen dort ungehindert an. Da wir am nächsten Morgen ganz früh weiter wollen, entscheiden wir uns dafür, doch besser an den Außensteg der Victoria Marina zu gehen, um entspannt und ruhig durchschlafen zu können.

Castle Cornet

Die Marina zeigt sich uns ganz anders als auf der Hinfahrt im Mai, der Wartesteg für die innere Marina ist verwaist und die Außenstege sind weitgehend leer, der Hafenmeister nähert sich erst, als wir uns schon fast selbst einen Platz an den Stegen ausgesucht haben. Er übergibt uns mit einem gelangweilten, fast schon genervten Gesichtsausdruck und ohne große Erklärungen die Unterlagen zum Einklarieren, zeigt uns kurz unseren Platz und ist wieder verschwunden.

Das war im Mai noch anders, da gab es immerhin eine freundliche Begrüßung – und es fühlt sich sowieso so ganz anders an, als fast überall in der Bretagne, wo die Hafenmeister für jedes Boot zum Liegeplatz vorfahren und beim Anlegemanöver helfen.

Beim Bezahlen stellt sich dann auch heraus, dass sogar der Preis für den Liegeplatz im Vergleich zum Mai deutlich teurer geworden ist. Vielleicht sollten wir dann doch das nächsten Mal ankern….oder einfach an Guernsey vorbeifahren ;).
Wir bekommen beim Anlegen Unterstützung von der Jan van Gent, einem Seglerpaar von der Ostsee, die schon auf der anderen Stegseite angelegt hat und unsere Leinen annimmt. Kurze Zeit später, als unsere Leinen fest sind, läuft Tom schnell einen Steg weiter und nimmt die Leinen der Segelyacht XCalibur an, ein niederländisches Schiff eines Einhandseglers, der mit uns von Lézardrieux aus gestartet ist.


Nach dem Abendessen sitzen wir noch ein Weilchen im Cockpit, genießen die Abendsonne und den Blick auf Saint Peter Port. Da kommt der Skipper von der XCalibur vorbei, er will auch morgen weiter, freut sich, dass er mit uns ein bisschen über die Route durch das Alderney Race und die Strömungszeiten und -stärken fachsimpeln kann und beschließt, sich uns für diese Etappe anzuschließen. Prima. Es fühlt sich immer gut an, zu etwas schwierigeren Etappen gemeinschaftlich aufzubrechen, sicher auch für ihn, der bei allen Manövern auf sich allein gestellt ist .

Es heißt nun wieder früh ins Bett gehen, 4 Uhr Bordzeit und 3 Uhr Ortszeit wird der Wecker klingeln und noch in dunkler Nacht werden wir Richtung Cherbourg ablegen.

Lézardrieux/Bretagne nach Guernsey/UK