Dienstag 23. und Mittwoch 24. Juni in Audierne
Es ist noch hell, aber der bis dahin heißeste Tag des Jahres geht langsam zuende. Alle wollen eigentlich nur ruhig dasitzen, als Abends Aktivität auf dem Steg aufkommt. Es ist kein Landstrom mehr da, „pas de electricité“ wird sich zugerufen. Das passiert eigentlich immer mal wieder, meist weil ein Boot einen defekten oder falschen Stecker verwendet hat. Aber diesmal ist es kein Problem am Steg, also gehe ich mit einigen Skippern die sich hier gut auskennen mit Werkzeug zum Sicherungskasten oben an der Straße. Noch bevor es gelungen ist, den Sicherungskasten zu öffnen, hält ein Auto an und die Fahrerin erklärt, dass es in der ganzen Region einen Stromausfall gibt. Auch das Telefon und das Internet würden nicht funktionieren. Und tatsächlich, jetzt wo es dunkel wird realisieren wir, dass keine Straßenlaternen brennen, keine Restaurants an der Promenade leuchten und die einzigen Lichter von vorbeifahrenden Autos stammen. Die Stadt ist dunkel.

Damit fällt auch mein geplanter nächster Programmpunkt, eine ausgiebige Dusche in den recht komfortablen Sanitäranlagen des Hafens aus: Der Zutritt zu den Sanitäranlagen ist mit einem elektrischen Codeschloss gesichert und öffnet sich natürlich nicht.
Zum Glück haben wir an Bord ja auch eine Stromversorgung über unsere Batterien. Der Kühlschrank läuft unbekümmert weiter, wir haben Licht und sogar unsere Borddusche kann benutzt werden. Also tatsächlich für uns praktisch kein Problem. In den Häusern in Audierne sieht das vermutlich anders aus.
Gegen Mitternacht haben wir an unserem Steg auch wieder Strom, wie wir später erfahren ist das aber reiner Zufall, weil ein paar der Stege und einige Häuser am gleichen Anschluß sind wie ein Altenheim. Ansonsten bleibt es nämlich dunkel in der Stadt bzw. wie wir auch später erfahren, in der ganzen Region.
Am nächsten Tag ist noch immer alles aus. Alle Geschäfte haben geschlossen, kein morgentliches Baguette, kein Eis. Nur der kleine Wochenmarkt findet etwas verkürzt statt und wir decken uns mit Brot und etwas Gemüse für das Abendessen ein. Der Tag heute wird der heißeste bisher, 40° zeigt das Bordthermometer. Es ist schwer, irgendwelche Informationen zu erhalten – das Internet geht noch immer nicht. Aber angeblich soll der Strom abends wieder funktionieren. Und dann hoffentlich auch die Mobilfunksysteme und Internet.
Da es ohnehin zu heiß ist etwas zu unternehmen, wird allgemein einfach viel ausgeruht. Es ist erstaunlich wie ruhig die Situation hier im Hafen und scheinbar auch in der Stadt aufgenommen wird. Nicht die leiseste Spur von Nervosität.
Als dann gegen 22:00 der Strom tatsächlich wieder angeschaltet wird, die Straßenlaternen wieder leuchten, bleibt es dennoch ganz still. Erst am nächsten Morgen öffnen die meisten Geschäfte wieder (u.a. auch die Bäckerei mit dem Baguette) und die Straße zeigt wieder die übliche Belebtheit mit Touristen und Einheimischen die ihren Geschäften nachgehen.
Es war eine interessante Erfahrung, dieser für unsere Verhältnisse lange Stromausfall. Die Folgen der Erwärmung machen offensichtlich auch vor scheinbar sicheren und etablierten Systemen keinen Halt. Auch die fehlende Redundanz bei den Mobilfunksystemen war überraschend. Zumindest unsere Provider waren schon kurz nach dem Stromausfall nicht mehr erreichbar und wir konnten lediglich mehr oder weniger über die Gerüchteküche erfahren, was los ist und wann wieder alles funktionieren wird. Und tatsächlich war das Aussetzen der Internetverbindungen und der damit fehlende Zugang zu Informationen zunächst die größte Einschränkung für uns in diesem 24h Blackout. Allerdings waren wir beim Genuß von Eis und anderen Kühlwaren in den nächsten Tagen auch sehr zurückhaltend…
Ursache war übrigens der hitzebedingte Defekt einer Trafostation nahe Quimper, in der gesamten Region waren zeitweise über 100.000 Haushalte ohne Strom. Audierne gehörte zu den letzen Bereichen, in denen die Stromversorgung wieder vollständig funktionierte.
